Essener Staatsanwaltschaft hat Anklage angekündigt. Ein Kommentar von Ulrich Coppel
Essener Staatsanwaltschaft hat Anklage angekündigt. Ein Kommentar von Ulrich Coppel
Essen. Ihm werden öffentlich Erpressung, Nötigung, Vorteilsnahme und Steuerhinterziehung vorgeworfen. Auch von möglichen Verstößen gegen das Transplantationsgesetz, gemeint ist Organhandel, berichten Staatsanwaltschaft und Medien. (Näheres dazu u. A. auf dieser Webseite unter „Transplantation“). Die Staatsanwaltschaft hat Anklage für „Mitte bis Ende Juni“ 2008 angekündigt. Das wäre bald, sehr bald. Und dann ist es soweit. Noch sind alles bloß lautstarke Verdächtigungen und Ankündigungen!
Wer Prof. Broelsch, dem all dies zur Last gelegt wird, in diesen Wochen erlebt, der weiß, wie sehr er unter diesen Vorwürfen leidet. Es ist ihm anzumerken, wie diese Vorwürfe ihm zusetzen.
Broelsch hat sich für Patienten stark gemacht. Patienten die an schwersten Krankheiten leiden, die teils in Todesangst in ihren Krankenzimmern den Fortgang der Ereignisse in den Medien verfolgen. Im Fernseher vor dem Krankenbett konnten sie verfolgen was da buchstäblich vor ihrer Zimmertür vor sich ging. Sie haben die Durchsuchung im vergangenen Herbst teilweise „live“ miterlebt. Sie mussten erleben, auf was für eine Art und Weise Broelsch suspendiert wurde. Mit einem Medienhype ersten Ranges wurde über die Durchsuchung und die Suspendierung berichtet. Das Fernsehen war live dabei und produzierte aufregende Bilder tüchtiger Polizisten. Es wurde berichtet, wie viele Polizisten und Staatsanwälte an der Durchsuchung beteiligt waren. Patienten erfuhren durch die Medien von der Staatsanwaltschaft, wie viele Umzugskartons mit Akten beschlagnahmt worden seien. Akten mit ihren Daten. Daten ihres Leidens, ihrer Behandlung, ihrer Verzweiflung, ihrer Hoffnung. Broelsch Patienten zählen zu der Sorte von Patienten, die kämpfen. Zu der Sorte, die nicht aufgeben wollen, wenn andere aufgeben. Deshalb waren sie nach Essen gekommen. Von weit her waren sie teilweise angereist, denn das Essener Universitätsklinikum war für so manch einen chirurgischen Eingriff führend. Weltweit. Sicher: Auch dort wurde nicht allen Patienten Heilung in Aussicht gestellt. Aber eines einte diese Patienten mit Broelsch: Die Bereitschaft den Kampf gegen die Krankheit bis zum Letzten zu kämpfen. Jeder mit seinen Möglichkeiten. Barfuß oder Lackschuh. So ist er, der Broelsch. Und so sind sie, die Patienten. Deshalb sind sie teils aus der ganzen Welt nach Essen gereist. Und das war mit einem Mal schlagartig vorbei.
Arzt - Patienten - Polizeiseminar
Die Besucher eines Seminares haben erlebt, wie es ist, wenn ein Arzt-Patienten-Seminar etwa zwei Wochen nach der Durchsuchung und Suspendierung in einem überfüllten Hörsaal der Essener Transplantationsklinik zur Schaubühne eines weiteren beispiellosen Vorgangs wird. Jawohl: Demonstrativ, denn nur so kann man es nennen, wenn da vor dem Haupteingang Polizeiwagen geparkt werden und zahlreiche uniformierte Beamte sich unter die geschätzten 250 Ärzte und Patienten mischen, die so unglaublich konspirativen Referaten wie „Immunsuppression nach der Transplantation“ lauschten. Einige Besucher sagten mir, dass sie sich durch die obendrein uniformierte Polizeipräsenz in massiver Weise eingeschüchtert gefühlt hätten. Andere fühlten sich gestört und belästigt. Nachsehen, was da los ist hätte man auch anders: Man wollte es aber nicht! Broelsch, der zu dieser Veranstaltung selber noch eingeladen hatte, fehlte allen Zuhörern. Er war inzwischen suspendiert. Und so stand das dringendste Thema erst gar nicht auf der Tagesordnung des Seminares. Zwischenfragen von Patienten gab es, ja, und die Ärzte mühten sich nach Kräften abzulenken, zu zerstreuen. Alles unter Beobachtung der Polizei.
Ärzteteam fiel auseinander
Die Patienten mussten erleben, wie im Weiteren, mit der Zeit, nach und nach Broelschs weltbekanntes Spezialistenteam auseinander fiel. Und sie kämpften weiter. Manche. Andere ließen den Kopf hängen. Sie sind verzweifelt, - wenn sie noch leben. Sie sind auf Broelsch und sein Team angewiesen. Deshalb sind sie aus der ganzen Welt nach Essen gekommen. Sie, die Geschädigten. Sie haben die Hochschulleitung und den ärztlichen Direktor der Uniklinik angeschrieben und ihre Verzweiflung mitgeteilt. Minister Pinkwart hatte in einer Pressemitteilung vom 16.05.2007 „aufgerufen“, dass sich geschädigte Patienten „umgehend“ mit der Leitung des Universitätsklinikums in Verbindung setzen sollen. Ja, das haben sie getan, die Patienten. Die „Geschädigten“. Antwort haben die hier bekannten Patienten in den allermeisten hier bekannten Fällen nie erhalten. Deshalb, weil sie nicht aufgeben, sind sie andere Wege gegangen. Sie haben weiter geschrieben. „Um ihr Leben“.
Minister Steinbrück und die Patienten
Auch Minister Steinbrück weiß um die Ängste der Patienten. Er weiß, was sie seit dem Aufflammen der Vorwürfe, spätestens aber seit Broelschs Suspendierung, durchmachen, denn sie haben auch ihm geschrieben, die Patienten. Sie haben ihm, dem ehemaligen NRW-Ministerpräsideten, geschrieben und ihm ihre Ängste wegen des Verlustes um ihre ärztl. Behandlungskompetenz mitgeteilt.
Sie haben sich mitgeteilt, ihr Leid, ihre Angst, ihre Hoffnung, ihre Not geklagt. Sie haben „um ihr Leben“ geschrieben. Nicht, dass sie Steinbrück ersuchten auf disziplinarrechtliche oder strafrechtliche Verfahren irgend einen Einfluss zu nehmen. Nein: Sie verwahrten sich gegen die Suspendierung des Professors, ihres Arztes, Ihrer Hoffnung, der ja noch nicht einmal angeklagt, geschweige denn verurteilt ist. Und die Angst der Patienten vor der Suspendierung Broelschs wich einer Verzweiflung nach dessen Suspendierung. Einer Todesangst. Und Minister Steinbrück hat reagiert. Er hat sich für diese Patienten, für die völlig verstörten Geschädigten eingesetzt, denn offenbar hatte Steinbrück wohl Verständnis für die, die da auf ihn zukamen. Ganz ohne Presse, ganz persönlich, ganz klar, hat er dies wohl so persönlich dem Minister Pinkwart auseinander gelegt. Und was macht Minister Pinkwart daraus? Ganz offenbar geht er damit lieber an die Presse, anstatt Patientenschreiben zu beantworten. Was für ein Signal! Als Polit-PR-Profi weiss man, wie man Stimmung macht. Das tut man laut und fordernd. Und: Was für ein gefundenes Fressen, dem politischen Gegner gegenüber zu punkten!
Man weiss, wie einfach Journalisten auf einen Skandal fixiert sein können: Ohne auch nur das Ergebnis der staatsanwaltichen Ermittlungen abzuwarten, geschweige denn ein Urteil, fordert Minister Pinkwart gleich zu Beginn der Ermittlungen, schon Broelschs Suspendierung. Damit ist der Öffentlichkeit und den ermittelnden Behörden, so wie den Verantwortlichen in der Universität nämlich von vorn herein klar angesagt, was der Minister fordert! Dies ist der politische Wille des NRW-Wissenschaftsministers. Selber die Suspendierung aussprechen, kann der Wissenschaftsminister aufgrund des NRW-Landeshochschulgesetzes ohnehin nicht. Ist ja auch egal, denn dies öffentlich vom Rektor der Universität zu fordern scheint ja auch viel opportuner. Das macht Schlagzeilen, und das funktioniert! Das funktioniert super, denn erstens haben die allermeisten Nachrichtenjournalisten überhaupt gar keine Zeit dafür, die äußerst komplexen Zusammenhänge, um die es hier zweifellos geht, mit all ihren Facetten und Hintergründen zu recherchieren, bzw. zu berichten, und zweitens wäre es dann ja vermutlich auch kein Skandal mehr. Und weil diese komplexen Zusammenhänge, wie beispielsweise die genaue Abwägung der Folgen einer Suspendierung Broelschs für Broelsch-Patienten, auch nur sehr, sehr wenige Menschen wirklich interessieren, sondern beispielsweise vielmehr die bunten Bilder der Umzugskartonschleppenden Polizisten, werden entsprechende Medien über letzteren Event auch vorab informiert, damit sie auch ja pünktlich aufgebaut sind: Minister Pinkwart hatte schon im Mai 2007 den „richtigen Riecher“, als er die Suspendierung des Arztes forderte. Nach der Durchsuchung im Oktober 2007 war es dann „endlich“ soweit. Broelsch wurde suspendiert. Das ist ja mal geil!
Keiner der weltbekannten chirurgischen Essener Spezialisten für die Lebend-Lebertransplantation ist noch für das Klinikum tätig. Sie sind alle weg.
Die Patienten, die hier bekannten zahlreichen Entlastungszeugen, z. B. sämtliche der Gastautoren zum Thema auf www.ulrich-coppel.de, haben ihre Hoffnung, die sie in das Essener Ärzteteam der Chirurgie gesetzt hatten verloren - wenn sie überhaupt noch leben. Keiner von ihnen ist von der Staatsanwaltschaft bisher vernommen worden. Und die Staatsanwaltschaft Essen will nun Anklage erheben. „Mitte, Ende Juni“. Mitte Juni ist morgen! Ich mache jetzt Wochenende.
Von Ulrich Coppel
Ich mache Ihnen ein Angebot, das Sie ablehnen können
Samstag, 14. Juni 2008
















































