Zwei Medizinskandale - Eine kommentierte Gegenüberstellung politischen Krisenmanagements von Ulrich Coppel
Zwei Medizinskandale - Eine kommentierte Gegenüberstellung politischen Krisenmanagements von Ulrich Coppel
Münster/ Essen/ Düsseldorf. Es geht wieder einmal hoch her in der NRW-Ärzteelite, sowie Politik und Justiz. Nun steht die Uniklinik in Münster in massiver öffentlicher Kritik. Ermittelt wird derzeit wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung in 13 Fällen von Herzoperationen, so die Presse. Am 17.07.2008 fand deshalb eine Durchsuchung von Dienst- und Privaträumen von Ärzten statt, bei der Patientenakten sichergestellt worden seien.
Dazu der ärztliche Direktor der Uniklinik in Münster, Prof. Dr. N. Roeder in einer Presseerklärung am 18.07.2008 ...„Wir vermuten, dass durch eine gezielte Kampagne die Herzchirurgie und insbesondere ihr Direktor aber auch das herzchirurgische Team beschädigt werden sollen“, sagt Roeder. Das würden auch die erneut aufgetauchten anonymen Briefe nahe legen. „Diese Briefe zielen offenbar darauf ab, Patienten und Angehörige bewusst zu verunsichern - und letztlich damit die Herzchirurgie zu beschädigen.“ An Spekulationen zu den Urhebern und ihren Motiven werde sich der Vorstand des UKM nicht beteiligen, um nicht in laufende Verfahren der Ermittlungsbehörden einzugreifen: Das UKM hat seit Mai nach jedem Erhalt eines anonymen Briefes Strafanzeige gegen Unbekannt erstattet.“...
Staatsanwaltschaft ermittelt in alle Richtungen
Auch die Staatsanwaltschaft Münster, welche die Ermittlungen leitet, will derzeit eine solche Kampagne nicht ausschliessen. Deshalb betont Oberstaatsanwalt Schweer: ...“Die Ermittlungen könnten aber durchaus auch ergeben, dass sich die Vorwürfe als haltlos erweisen.“ ... berichtet der WDR am 18.07.2008. ...“Man muss auch sehen, dass diese Ermittlungen der Staatsanwaltschaft durchaus zur Entlastung der Ärzte führen können. Ich meine es ist ja äusserst unangenehm, um es mal so auszudrücken, jetzt mit derartigen Vorwürfen überzogen zu werden. Und die haben jetzt, wenn nichts dran ist auf der anderen Seite auch ein Recht, im Grunde bestätigt zu bekommen, dass sie ordentlich gearbeitet haben.“... so Oberstaatsanwalt Schweer im WDR Hörfunk am gleichen Tag.
Es seien der Generalstaatsanwaltschaft in Hamm wiederholt anonyme Anzeigen zugegangen, die präzise Angaben über Patienten, Zeitpunkte, Art der Fehler und operierende Ärzte enthielten schreiben andere Medien. Auch seien Hinterbliebenen zweier verstorbener Patienten Schreiben mit vorgefertigten Strafanzeigen zugegangen, die von diesen unterschrieben der Staatsanwaltschaft dann zugestellt worden seien.
So ganz neu scheinen die Vorwürfe gegen die Münsteraner Ärzte offenbar tatsächlich nicht zu sein, denn bereits seit 2007 seien auch der Uniklinik Münster selber, sowie dem NRW-Innovationsministerium anonyme Schreiben mit Vorwürfen über die Versorgungsqualität der UKM-Herzchirurgie zugegangen. Dies teilt die Uniklinik in Münster mit. Und weiter: ...“Da der Vorstand jegliche Hinweise - insbesondere die zur Versorgungsqualität - sehr ernst nimmt, wurden alle in den Briefen aufgestellten Behauptungen von Beginn an sehr umfassend vom UKM-Vorstand überprüft. Das Ergebnis dieser internen Prüfung: „Alle Vorwürfe haben sich bislang als haltlos erwiesen“, betont Prof. Dr. Norbert Roeder, Ärztlicher Direktor am Universitätklinikum Münster (UKM).“...
Es sind schwere Vorwürfe, die da in Münster im Raume stehen. Sollten sie sämtlich zutreffen, dann wären bis zu 13 Menschen wegen Behandlungsfehlern, oder Unerfahrenheit von Ärzten ums Leben gekommen. Sollten die Vorwürfe nicht zutreffen, dann wäre der Klinik und vor allen den öffentlich in der Kritik stehenden Medizinern dennoch ein immenser Schaden entstanden. „Etwas hängen bleibt immer“. Dessen sind sich, bei aller Notwendigkeit den Vorwürfen bis ins Letzte genauestens nachzugehen alle Beteiligten bewusst. Sowohl die Staatsanwaltschaft, als auch die Uniklinik betonen dies ausdrücklich in ihren Statements. Das ist richtig und vorbildlich.
Vergleich verblüfft
Während die Uniklinik Münster einen Tag nach der Durchsuchung betont, dass der Betrieb auch nach der Durchsuchung normal weiter geht, und sich die Klinikleitung vehement hinter den in die Kritik geratenen Münsteraner Professor stellt, gab die Essener Klinikleitung einen Tag nach der dortigen Durchsuchung die Suspendierung des Chefchirurgen und weitere personelle Veränderungen bekannt.
Wissenschaftsministerium bewertet Vorwürfe mit zweierlei Maß
Auch das NRW-Wissenschaftsministerium engagiert sich für die Aufklärung in Münster und setze inzwischen eine unabhängige Untersuchungskommission ein, die die Vorwürfe extern untersuchen soll. „Da werde neutrale Aufklärungsarbeit geleistet“, zititeren die „Westfälischen Nachrichten“ das Wissenschaftsministerium.
Wie anders dies im 100 km entfernten Essen vonstatten ging, das entnehmen wir der Presse seit nunmehr 14 Monaten. Dort berief das Ministerium keine unabhängige Expertenkommission. Warum eigentlich nicht? Wohl gab es eine interne Untersuchungskommission, die einen, wohl den schwersten Vorwurf gegen den Essener Professor, gemeint ist Organhandel, untersuchen sollte. Diese Kommission kam allerdings zu dem Ergebnis, dass dieser Vorwurf unhaltbar und unwahr ist. Der Bericht wurde nie durch die Klinik veröffentlicht. Warum eigentlich nicht?
Kein einziger der Vorwürfe gegen den seit Oktober 2007 suspendierten Chef der Klinik für Allgemein-, Viszeral und Transplantationschirurgie beinhaltet irgendeinen Behandlungsfehler, oder gar fahrlässige Tötung, sondern dort geht es „nur“ um Geld.
Minister fordert Suspendierung
Bereits einen Tag nach erster Berichterstattung über angebliche Missstände bei der Spendenaquise von Drittmitteln liess der NRW-Wissenschaftsminister Pinkwart diese Pressemitteilung veröffentlichen. Er bezieht sich darin auf einen Betrag von 5000 Euro (!) der angeblich vor der Behandlung einer „Kassen-Patientin“, durch eine Klinik-Mitarbeiterin zu unrecht gefordert worden sei. Im Vergleich zur Justiz, die auch 15 Monate später (bis heute) noch nicht die Vorwürfe bewiesen oder auch nur angeklagt sieht, treffen da der Minister und der ehemalige ärztliche Direktor der Uniklinik in Essen eine eigentümliche, recht frühe ganz und persönliche Einschätzung der Rechtslage, wenn sie da meinen dass es „notwendig und richtig sei“ „das Verfahren klipp und klar als Unrecht“ zu bezeichnen: Diese Presserklärung stammt vom gleichen Tage, als die Essener Staatsanwaltschaft überhaupt erst initial mit ihrer Ermittlungsarbeit begonnen hatte. Der Betrag sei unstrittig weder bezahlt worden, wie sich in den Tagen darauf herausstellte, noch sei es zu einer Aufnahme der Patientin in die Essener Uniklinik gekommen, sondern sei die Patientin drei Tage nach dem Anruf in Essen in der Uniklinik in Münster operiert worden. Nichts desto Trotz forderte der Minister gleich schon in den Tagen nach der ersten Berichterstattung zum Thema darüber hinaus die Suspendierung des Professors öffentlich, Dies geschah dann auch tatsächlich, und zwar nachdem es in Essen - genau wie jetzt auch in Münster es zu einer Durchsuchung gekommen war.
Reaktionen von Patienten
Während die Uniklinik in Münster sich über die zahlreichen Reaktionen von Patienten freut, die sich hinter den Professor Professor stellen und sich gegen die Vorwürfe verwahren, blieben zahlreiche sehr besorgte Schreiben von Essener Patienten an den ärztlichen Direktor, den Rektor der Universität Duisburg-Essen, sowie auch an den Wissenschaftsminister Prof. A. Pinkwart unbeantwortet. Das hat gewiss nicht zu deren Beruhigung beigetragen.
Minister Pinkwart investiert vier Millionen Euro in „Rückkehrprogramm“ - NRW verliert zahlreiche Köpfe mit riesiger Expertise. Rheinische Post sinniert über „Fluchtgefahr“.
Während das NRW-Wissenschaftsministerium in diesen Tagen Schlagzeilen mit einem vier Millionen Euro teuren „Rückkehrprogramm“ macht, mit dem es bemüht ist „die klügsten Köpfe“ nach NRW zu werben, sinniert die Rheinische Post über „Gerüchte“ dass der suspendierte Essener Klinikchef Prof. Dr. Broelsch in die USA wechseln würde.: ...“Juristisch steht den USA-Plänen Broelschs nichts im Wege. `Sicher ist das möglich. Es gibt keinen Haftbefehl, und es besteht nach unserer Einschätzung keine Fluchtgefahr`, erklärte ein Sprecher der Essener Staatsanwaltschaft. `Er kann reisen, wohin er möchte.“... zitiert die Rheinische Post/ Print einen Sprecher der Essener Staatsanwaltschaft im Juni 2008. Genau davor haben zahlreiche Essener Patienten Angst. De facto haben bereits zahlreiche der Besten Nachwuchschirurgen, die Broelsch bis in die Weltspitze hinein ausgebildet hat, dem Essener Klinikum und NRW den Rücken gekehrt, und sind nun in anderen Ländern bzw. Bundesländern leitend tätig.
Fazit
Was sind schon vier Millionen Euro Steuergelder für ein Rückkehrprogramm, wenn Minister Pinkwart zu einem Zeitpunkt wo weder etwas angeklagt, geschweige denn bewiesen ist, sich auf eine ungeklärte Spendenaufforderung in Höhe von 5000 Euro bezieht, und initial eine „umgehende Suspendierung“ Broelsch öffentlich fordert.? Apropos Staatsanwaltschaft Essen: War es nicht so, dass diese Ende Mai 2008 die Anklageerhebung gegen Professor Broelsch für „Mitte/Ende Juni“ öffentlich angekündigt hatte und in diesem Zusammenhang Broelsch der „räuberischen Erpressung“ öffentlich verdächtigt? Bis zum heutigen Tage ist der Presse nicht zu entnehmen, dass sie ihrer öffentlichen Ankündigung hat Taten folgen lassen und Anklage erhoben hat. Genau hier wäre es doch einmal begrüssenswert den Herrn Minister genauestens zu befragen, wo er doch in der Öffentlichkeit so gern seine persönlichen Erfolge mit unseren Steuergeldern im steten Werben um „die besten Köpfe“ für den Wissenschaftsstandort NRW preist.
Münster, Betzdorf, Wadersloh, Dortmund den 20.07.2008,
Ulrich Coppel
Gertrud Katharina Schmidt
Dr. med. Cordula Joraschky
Dr. med. Werner Joraschky
Dr. med. Sabine Hartmann
Dr. jur. Michael Balke
NRW-Medizin: „Borderlinestörung“ in Düsseldorf?
Sonntag, 20. Juli 2008
Die Mitunterzeichner:

Dr. jur. Michael Balke
Diplom-Finanzwirt, Richter im 7. Senat des Niedersächsischen Finanzgerichts in Hannover, Organempfänger,

Dr. med. Sabine Hartmann
Oberärztin im Klinikum Dortmund,
HNO-Ärztin, Phoniaterin und Pädaudiologin,
beinahe Organspenderin, "medizinischer Bodygard",
Ehefrau des Organempfängers,

Dres. med. Cordula und Werner Joraschky
Ärzte im Ruhestand, Sie: Empfängerin einer Lebendorganspende
Gertrud Katherina Schmidt
Immobilien
maklerin und Buchautorin (hier mit Ehemann Herbert Schmidt)